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Peter Zimmermann: «Aus Angst wurde Neugier»

Die tägliche Lebenswelt wird digitaler. Das zeigt sich zum Beispiel am neuen Einzahlungsschein. Peter Zimmermann, Geschäftsleiter von Pro Senectute Glarus, erklärt, was die Probleme der älteren Leute damit sind. Und wie man sie lösen kann.

Sebastian
Dürst
13.05.17 - 23:07 Uhr
Leben & Freizeit
Pro-Senectute-Chef Peter Zimmermann freut sich über viele Anmeldungen für Smartphone-Kurse.
Pro-Senectute-Chef Peter Zimmermann freut sich über viele Anmeldungen für Smartphone-Kurse.
SEBASTIAN DÜRST

Zugbillett, Ferien buchen, Fotos auf dem Computer, Bancomaten und bald Einzahlungsscheine: Die Zukunft von vielen täglichen Dingen ist digital. Das bringt vor allem ältere Menschen in Bedrängnis: Sie sind nicht damit aufgewachsen, und die Welt verändert sich schnell. Peter Zimmermann erklärt im Interview, wie er das verhindern will.

Herr Zimmermann, der neue Einzahlungsschein kommt schon bald. Wie wird wohl eine ältere Person reagieren, wenn sie zum ersten Mal einen solchen im Briefkasten hat?

Ich denke, dass die Einführung auch öffentlich gemacht wird. Das heisst, dass die Leute dann auch davon wissen. Zu den älteren Leuten: Es gibt keine Lebensphase, die dermassen von Individualität geprägt ist, wie die Jahre ab 60. Es wird Leute geben, die sich auf die neuen Möglichkeiten freuen und solche, die Scheu zeigen.

Es ist ja nicht nur der neue Einzahlungsschein, der für ältere Leute eine Herausforderung ist, sondern die Digitalisierung an sich. Wie gehen ältere Menschen Ihrer Meinung nach damit um?

Pro Senectute bietet Kurse für Menschen 60 plus an, die sich mit den Aspekten der Digitalisierung beschäftigen. Ich habe bemerkt, dass sich die anfängliche Angst in Neugier verwandelt hat: Die Leute wollen nicht mehr nur wissen, wie sie ein Gerät ein- und abschalten können. Sie wollen auch die neuen Möglichkeiten kennenlernen. Natürlich gibt es auch Leute, die sich der Digitalisierung verweigern, aber von denen gibt es ja auch einige, die noch lange nicht 60 Jahre alt sind.

Letztes Jahr haben Sie einen Glarner Fahrplan in gedruckter Form produziert. Waren es auch diese Jungen, die Ihnen den Glarner öV-Fahrplan, den die Pro Senectute auf eigene Faust gedruckt hat, aus den Händen gerissen haben?

Der gedruckte Fahrplan war unglaublich beliebt, nicht nur bei den «Alten». Es ist so, dass viele Leute den modernen Geräten noch nicht genug vertrauen.

Führen Sie einen Kampf gegen die Digitalisierung der täglichen Lebenswelt?

Nein, das wäre ein Kampf auf verlorenem Posten. Der gedruckte Fahrplan war eine Ausnahme, wenn man unser restliches Programm anschaut. Uns geht es darum, die Leute sanft an die neue Welt heranzuführen. Man muss sehen: Die älteren Leute sind heute viel länger viel aktiver. Sie müssen sich darum auch im Alter den neuen Gegebenheiten anpassen. Wir helfen mit Kursen, die deren Lerntempo angepasst sind.

Was beschäftigt die älteren Leute denn am meisten im Zusammenhang mit der Digitalisierung?

Oft geht es um Mobilität: also eben um Zugbillette, Reiseinformationen und Ähnliches. Aber auch unsere PC-Kurse erfreuen sich nach wie vor erstaunlicher Beliebtheit. Früher hatten wir nur ein Kursprogramm, das jeweils im Herbst durchgeführt wurde. Jetzt bieten wir das ganze Jahr Kurse an, weil die Nachfrage so gross ist.

Es ist unglaublich, wie viele ältere Menschen sich mit dem Smartphone beschäftigen.

Es gibt doch immer noch viele ältere Menschen, die völlig überfordert sind. Laufen wir Gefahr, dass diese in ein paar Jahren völlig abgekapselt von der restlichen Gesellschaft leben?

Ich bin der Überzeugung, dass es nicht so sein wird. Diese Gefahr wird überschätzt. Die heutigen Alten sind nicht nur mobiler, sondern auch lernbereiter: Lebenslanges Lernen wird zum Grundbedürfnis. Sie interessieren sich weiterhin für die Welt um sich herum. Es geht nur darum, ihnen diese Welt auch näherzubringen. Dazu gibt es ja nicht nur von unserer Seite aus Kurse. Eine «brachliegende Generation» wird es sicher nicht geben.

Der gedruckte Fahrplan war unglaublich beliebt, nicht nur bei den ‘Alten’. Viele vertrauen den neuen Geräten noch nicht genug.

Sie sprechen von verschiedenen Kursen. Wie finden Sie eigentlich heraus, welche Kurse in Digitalisierung sich die älteren Menschen wünschen?

Viele Inputs kommen von unserem Beratungsdienst, den wir anbieten. Da merkt man schnell: Wenn Themen oft angesprochen werden, gibt es Bedarf für Kurse. Wir sind aber auch im Austausch mit verschiedenen Partnern. Zum Beispiel mit der SBB, die eine neue App lanciert, oder mit anderen Pro-Senectute-Regionen.

Welches Bedürfnis hat Sie am meisten überrascht?

Das Smartphone! Es ist unglaublich, wie viele ältere Leute sich damit beschäftigen. Und sie wollen nicht nur die Basics wissen, sondern sehr viele Funktionen kennenlernen. Ich hätte nie gedacht, dass die Leute mit solcher Begeisterung an dieses Thema herangehen.

Noch einmal zurück zu den Einzahlungsscheinen. Denken Sie, dass es dazu auch Kurse braucht?

Da bin ich mir ziemlich sicher. Natürlich, auch von den älteren Menschen geht nicht mehr jeder an den Bankschalter und lässt sich Geld auszahlen und bezahlt dann damit die Rechnung auf der Post. Aber den einen oder anderen wird es sicher geben, der sich verloren vorkommt, wenn er zum ersten Mal so einen Einzahlungsschein bekommt. Ich könnte mir hier eine Kooperation mit einer Bank vorstellen, die dann auch die Vorteile erklären kann.

Weitere Infos zum Kursprogramm von Pro Senectute Glarus gibt es unter Telefon 055 645 60 20 oder im Internet unter www.gl.pro-senectute.ch.

Sebastian Dürst ist Redaktionsleiter der «Glarner Nachrichten». Er ist in Glarus geboren und aufgewachsen. Nach Lehr- und Wanderjahren mit Stationen in Fribourg, Adelboden und Basel arbeitet er seit 2015 wieder in der Heimat. Er hat Religionswissenschaft und Geschichte studiert. Mehr Infos

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