Im Zentrum des Metallabbaus
Seit fünf Jahren graben Studenten der Universität von Zürich im Surses nach Spuren urzeitlichen Bergbaus. Mit Erfolg.
Seit fünf Jahren graben Studenten der Universität von Zürich im Surses nach Spuren urzeitlichen Bergbaus. Mit Erfolg.
Meinrad Müller, ein bärtiger junger Mann, hat eine Keramikscherbe gefunden. Seine Grabungskollegen, allesamt junge Studenten, rufen fröhlich: «Darauf trinken wir heute Abend einen Schnaps!» Stolz zeigt Müller, der angehende Archäologe, die braune Tonscherbe her. «Solche Gebrauchskeramik ist sehr selten hier», sagt Rouven Turck, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Archäologischen Instituts Zürich. Er leitet nun schon den fünften Sommer in Folge Grabungsprojekte im Surses, die vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert werden.
Kupfer-Mekka Oberhalbstein
«Vor 2600 Jahren war das Oberhalbstein ein wichtiges Industriegebiet, eine zentrale Verbindung zwischen Nord- und Südalpen», sagt Turck und zeigt als Beweis eine Halde voller rostbrauner Steinbrocken. Die Schlacken seien Zeichen des Erzabbaus, der das Gebiet Gruba oberhalb des Marmorera-Stausees in der frühen Eisenzeit stark geprägt habe. Das in der Gegend häufige Kupfererz wurde in Öfen auf über 1000 Grad erhitzt, um daraus Kupfer zu gewinnen. Eine Höchstleistung für die damalige Zeit, die ziemlich sicher auch die Wälder des Surses strapaziert hat. «Ich vermute, dass sich durch die massive Abholzung gar die Waldgrenze verschoben hat», sagt Turck. Dies müsse er aber noch genauer untersuchen, fügt er an.
In den letzten fünf Jahren, seit das Institut für Archäologie der Universität Zürich zusammen mit dem Archäologischen Dienst Graubünden begonnen hat, die vorgeschichtliche Bergbauindustrie des Oberhalbsteins zu untersuchen, haben Turck und sein Grabungsteam bereits 70 Fundstellen unter die Lupe genommen. «Und dies ist nur die Spitze des Schlackenbergs», sagt er lachend. Ein riesiger Glücksfall sei, dass man im Gebiet Gruba sowohl Abbaustellen als auch Verhüttungsplätze entdeckt habe, so Turck weiter.
Eisenzeitliche Saisonarbeiter
Dies ist für seinen Forschungsfokus wichtig: Turck will mit seinen Studenten den verschiedenen Stationen des Kupferbergbaus auf den Grund gehen. Dies tut er nicht nur mit den herkömmlichen Methoden der Archäologie wie etwa mittels Funde oder der Analyse der verschiedenen Schichten. Der Archäologe bringt auch die Naturwissenschaft ins Spiel. Im Labor analysiert er die Schlackenabfälle mit geochemischer Methode, oder er bestimmt das Alter der Holzkohlestücke anhand des vorhandenen Kohlenstoffs.
Dabei gehe es ihm immer auch um die Menschen. «Wir wollen in Zukunft her-ausfinden, in welchem Zusammenhang die Siedlungen im Tal mit dem Erzabbau stehen.» Gewohnt haben die Bergarbeiter wohl nicht permanent in der Gegend, wie der Archäologe vermutet. Die am höchsten gelegenen Fundstellen würden auf über 2500 m ü.M. liegen. Zu harsche Bedingungen, um den Winter zu überstehen. «Die Menschen haben damals wohl in Siedlungen in Tamins, Chur, im Unterengadin oder Bergell gewohnt. Sie kamen vermutlich im Sommer hierher, um Kupfer zu gewinnen.»
Ein Magnet – auch für Touristen?
Das Forschungsprojekt erweckt viel Aufsehen, Besuche von Professoren anderer Institute sind häufig. Im nächsten Jahr organisiert Turck gar die Jahrestagung für die Schweizerische Gesellschaft für historische Bergbauforschung im nahen Bivio. Aber, wie er betont, auch Wanderer zeigen sich sehr interessiert. Den Kupferbergbau könnte man durchaus auch für Touristen inszenieren, meint Turck, etwa mit einem Themenweg.
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Bereits Abonnent? Dann schnell einloggen.