Tempo Teufel oder effizient?
Nein, das Rätoromanische ist keine schnelle Sprache. Zwar werden neolateinischen Sprachen wie Spanisch, Italienisch, Portugiesisch oder Französisch allgemein als schnell bezeichnet, doch das ebenfalls vom Lateinischen abstammende Rätoromanisch dürfte kaum in diese Kategorie passen. Es klingt zu bedächtig, zu bodenständig. So wie viele andere ländlich geprägten Sprachen, die sich ebenfalls nicht durch ein forsches Tempo auszeichnen.
Im Allgemeinen werden schnelle Sprachen gerne mit hoher Eloquenz gleichgesetzt. Wer sich von Menschen, die schnell sprechen, beeindrucken oder gar einschüchtern lässt, sollte sich besser in Gelassenheit üben: Denn schneller ist nicht unbedingt besser. Und manchmal ist schneller sogar richtig schlecht. Zu dieser Erkenntnis kam ich vor Jahren, als ich in Hamburg die Rede eines zweifellos klugen Mannes hörte. Der sprach so schnell und ganz ohne Sprechpausen, dass ich ihm selbst bei grösster Konzentration nicht mehr folgen konnte. Also hängte ich geistig ab – und konzentrierte mich wie unter Zwang nur noch auf sein unglaubliches Sprechtempo, das mich an Maschinengewehrsalven erinnerte.
Dass man in Hamburg schneller spricht als in der Schweiz, ist natürlich keine bahnbrechende Erkenntnis. Dabei ist das Deutsche von Hamburg in Sachen Sprechtempo nicht einmal besonders schnell. Die schnellste Sprache der Welt ist Japanisch. Genau 7,84 Silben pro Sekunde kommen laut einer wissenschaftlichen Studie bei einer Japanerin oder einem Japaner pro Sekunde aus dem Mund. Ähnlich schnell ist mit 7,82 Silben Spanisch. Französisch kommt auf 7,18 Silben pro Sekunde, Italienisch auf 6,99 Silben und Deutsch nur noch auf relativ bescheidene 5,97 Silben. Doch was heisst schon 5,97 Silben pro Sekunde? Eine hochdeutsch sprechende Person aus der Schweiz dürfte kaum diesen Wert erreichen, denn das schweizerische Hochdeutsch ist niemals so schnell wie das hierzulande als besonders geschliffen empfundene Deutsch aus dem Norden Deutschlands.
Und wie sieht es in Bezug auf Silben pro Sekunde eigentlich beim Rätoromanischen aus? Das weiss niemand so genau. In der oben erwähnten Studie wurden von den weltweit rund 7000 existierenden Sprachen nämlich nur deren 17 genau untersucht. Vom grossen Rest ist in Sachen Sprechtempo nur wenig bis nichts zu finden.
Natürlich kommt das hier Gesagte alles ein bisschen holzschnittartig daher. Letztlich hängt es immer von der einzelnen Person ab, wie schnell oder langsam sie spricht. Doch was wäre denn das richtige Sprechtempo? Ideal wären 4,5 bis 5,5 Silben pro Sekunde, sagen die Fachleute. Denn mit diesem Wert würden Kompetenz, Selbstbewusstsein und Leidenschaft am besten transportiert. Aber wer kann schon sein Sprechtempo auf 4,5 bis 5,5 Silben pro Sekunde justieren? Eben.
Zur nochmaligen Beruhigung aller, die sich von Schnellsprecherinnen und Schnellsprechern (zu) leicht beeindrucken lassen: Laut der schon erwähnten Studie sagen Menschen, die schnell sprechen, gar nicht mehr als Menschen, die ein normales Sprechtempo pflegen. Der Grund: Bei zu hohem Sprechtempo kommt der Inhalt des Gesagten beim Gegenüber gar nicht erst an. Tempo Teufel ist also alles andere als effizient. Oder um es mit dem chinesischen Philosophen Konfuzius zu sagen: Wenn Du es eilig hast, geh langsam!
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