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«Wir sind 100 Tonnen leichter»

Die Piloten der Airbus-Flotte der Fluggesellschaft Swiss werden von einem Bündner geschult und weitergebildet. Chef-Fluglehrer Jürg Hartmann fordert von seinen Kollegen einiges. Eine Begegnung mit einem Airman alter Schule.

Dario
Morandi
03.06.18 - 04:30 Uhr
Ereignisse

Sauber aufliniert steht die weiss-rote Maschine der Fluggesellschaft Swiss kurz vor acht Uhr morgens abflugbereit auf der Piste 28 des Flughafens Zürich. In der Kabine des Grossraumflugzeugs vom Typ Airbus A340-300, das wenige Stunden zuvor noch mit über 200 Passagieren an Bord aus Johannesburg zurückgekehrt ist, befinden sich nur gerade 17 Personen. Und die dürfen sitzen, wo sie wollen. Einige drängt es in die breiten Sessel der First Class, andere machen es sich im «Stübli», dem kleinen Abteil der Business Class, bequem. «Holzklasse» fliegt jedoch niemand.

Die Umschulung abschliessen

LX5536 ist eben kein normaler Flug. Und seine Passagiere sieht man sonst eher selten in der Kabine, weil sie ihre Aktivitäten im Cockpit entwickeln. Es sind allesamt bestandene Flugkapitäne und eine Frau Flugkapitän. Die Truppe fliegt sonst den anderen Langstreckenjet aus der Airbus-Reihe: den zweimotorigen A330. Acht Piloten werden in den nächsten Stunden ihre Umschulung auf den vierstrahligen A340 abschliessen, zwei weitere Captains bekommen den letzten Schliff als Fluglehrer. Damit die komplexen Verfahren während der Prüfungsflüge genau so ablaufen, wie dies das Bundesamt für Zivilluftfahrt und die europäische Luftaufsichtsbehörde Easa vorschreiben, ist an diesem Tag Jürg Hartmann mit von der Partie. Der in Chur und Splügen aufgewachsene Captain ist seit über 30 Jahren in der Fliegerei zu Hause und arbeitet seit 2012 als Chef-Fluglehrer der Airbus-Langstreckenflotte von Swiss.

Mit Tempo 296 in den Himmel

Aus dem Cockpitlautsprecher krächzt die Stimme der Controllerin von Skyguide. «LX5536, you’re cleared for take-off, runway 28», sagt sie. Hartmanns Stellvertreter Captain Stephan Balsiger löst die Radbremsen, schiebt die Schubhebel nach vorn. Die vier Triebwerke CFM56-5C4/P heulen auf, beginnen mit dem Aufbau von je 15 Tonnen Schub. Der A340 rollt an.

Bei 160 Knoten (296 Kilometer pro Stunde) hebt der mächtige Airliner ab. Dies recht flott und lange vor dem Pistenende: «Kein Wunder», stellt Hartmann fest, «wir sind rund 100 Tonnen leichter als im Linienbetrieb.» Das maximale Take-off-Weight (Startgewicht) des A340 beträgt 275 Tonnen. Die Reise geht nach Ostdeutschland, wo es einen Trainingsflughafen mit wenig Verkehr gibt. Sanft setzt Fluglehrer Balsiger den Vogel nach etwas mehr als einer Stunde Flugzeit auf die Piste 08 links des Leipziger Airports. Danach wird es für die erste Gruppe ernst. Die Captains beginnen mit ihrem Prüfungsprogramm. Es sieht neben anderem Durchstarts mit kurzer Bodenberührung (Touch and go), die Bewältigung von kritischen Situationen (simulierter Triebwerksausfall bei Start und Landung), Fullstop-Landungen mit korrektem «Täxelen» (Manövrieren auf den Rollwegen des Flughafens) vor.

45-mal gelandet und gestartet

Chef-Fluglehrer Hartmann beobachtet die Flugkünste seiner Eleven vom Pistenrand aus. «Ein bisschen zu kurz, aber doch noch ganz gut», kommentiert er einen Endanflug, als die Räder des A340 den Boden berühren und dabei blaue Rauchfahnen hinter sich herziehen. «Der optimale Aufsetzpunkt liegt bei 300 bis 600 Metern nach der Pistenschwelle.» Diesen exakt zu treffen, könnten «nur Piloten, die mit dem Füdli fliegen». Die anschliessende Touch-and-go-Landung bekommt dann beste Noten. Hartmann: «Das hat perfekt gepasst, sind halt alles Profis. Die wissen längst, wie das geht.» 45 Starts und Landungen wird der A340 am Abend im Fahrgestell haben. «So viele Bewegungen fallen bei einem Langstreckenjet sonst in einem Monat an», weiss Hartmann. Technische Probleme gibt es aber keine, wie Techniker Markus Hoffmann zufrieden feststellt. «Ist eben auch eine tolle Maschine», sagt er. Trotzdem muss der Flieger, der am nächsten Tag wieder auf der Langstrecke eingesetzt wird, nach der Rückkehr zur Inspektion. Sicherheit geht vor.

Von Kindesbeinen auf

Hartmann ist Airman durch und durch. Seine Leidenschaft für die Fliegerei hat er bereits als Kind entdeckt. Sein Vater Jost Hartmann war Kommandant des Kantonspolizeistützpunktes San Bernardino und danach Chef des Bündner Strassenverkehrsamtes. Angesichts der vielen schweren Verkehrsunfälle auf der Nord-Süd-Achse habe er die Helikopter-Strassenrettung aufgebaut, erzählt Hartmann. Und da habe er einmal mit Pilot Hans Luggauer mitfliegen dürfen. «Danach war es um mich geschehen – ich wollte unbedingt Pilot werden.» Das wurde er dann auch. Nach der fliegerischen Grundausbildung ging Hartmann als Heli-Pilot zur Luftwaffe und danach zur damaligen Swissair, wo er zunächst die MD80, danach die dreistrahlige DC-10, das Nachfolgemodell MD-11 und den A320 flog. Nach dem Swissair-Grounding fand er als Captain bei der Swiss eine Anstellung. Er selber habe viel Glück gehabt. Aber viele talentierte Pilotenkollegen hätten damals ihre Stelle verloren, erinnert er sich. Chef-Fluglehrer zu sein, sei «ein zwar aufwendiger und manchmal etwas aufreibender, aber dennoch ein faszinierender Job». Um regelmässig selber auf die Langstrecke zu gehen, fehlt ihm die Zeit. Etwa zweimal im Monat kommt er noch dazu, wie er erzählt. In wenigen Tagen steht die Rotation nach Johannesburg an. «Umso mehr freue ich mich, wieder einmal unterwegs zu sein.»

«Der optimale Aufsetzpunkt liegt bei 300 bis 600 Metern nach der Pistenschwelle.»

Die Debriefings sind abgeschlossen. Alle haben die Prüfungsauflagen mit Bravour erfüllt. Hartmann gratuliert der Kollegin und den Kollegen. Die Swiss hat jetzt acht neue A330/A340-Captains sowie zwei neue Fluglehrer. Der Flug nach Leipzig hat sich gelohnt. Inzwischen ist es kurz nach 20 Uhr. Der A340 wird für den Heimflug startklar gemacht. Dieses Mal fliegt ihn der Chef selber, assistiert vom frischgebackenen Fluglehrer Alex Schönenberger. Über Stuttgart wird es ruhig in der Kabine. Die Piloten sind müde. Es war für alle ein langer, aber erfolgreicher Tag.

Beim Airbus A340, auf den die Captains umgeschult werden, handelt es sich um ein Passagierflugzeug mit 219 Plätzen in drei Klassen. Der Langstreckenjet hat eine Reichweite von rund 11 000 Kilometer. Im Gegensatz zum A330 verfügt der A340 über vier Triebwerke, was ihn bezüglich der Flugeigenschaften vom zweistrahligen A330 unterscheidet.

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