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Touris mit zu hohen Ansprüchen: Der Insta-Boom vertreibt Hüttenwartin

Claudia Freitag ist erschöpft und will die Muttseehütte ab kommender Saison nicht mehr führen. Im Gespräch erklärt sie, warum sie erst mal genug vom Hüttenbetrieb beim Social-Media-Juwel hat.

Michèlle
Schneider
20.08.24 - 00:00 Uhr
Graubünden
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Claudia Freitag arbeitet seit vier Jahren als Hüttenwartin in der Muttseehütte ob Linthal. Diese Zeit empfinde sie als sehr wertvoll und sehr intensiv. Letzteres hat aber nicht nur positive Seiten. Sie habe zwar viele Erfahrungen sammeln dürfen, in allen Bereichen ihres Lebens. Aber: Die Arbeit braucht viel Energie, die ich nicht wieder zurückholen kann, erklärt Freitag. Das habe sie in letzter Zeit deutlich zu spüren begonnen. Deshalb gibt sie ihre Stelle als Hüttenwartin per Ende Saison auf. Wie es danach beruflich für sie weitergeht, hält sie sich noch offen. Wichtig ist ihr vor allem, dass hoffentlich auch sie wieder Erholung in den Bergen finden kann.

Der Insta-Trend lockt auch viele unerfahrene Berggänger an

So wie Claudia Freitags Gäste. Die suchen am Muttenchopf aber oft nicht nur Erholung. Die Beliebtheit der Muttseehütte ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Das bestätigen auch die Übernachtungszahlen der Hütte: Seit 2013 nahmen diese um über 124 Prozent zu, wie aus der Hüttenstatistik des SAC hervorgeht. Zwar hat die Covid-Pandemie diesem Trend einen Dämpfer verpasst, aber 2023 lagen die Übernachtungszahlen bereits wieder über dem Vor-Corona-Niveau. Vor allem der Limmerensee, den man vom Muttenchopf aus überblicken kann, ist ein beliebtes Sujet für Social-Media-Bilder geworden. Viele Leute kommen hauptsächlich für ihr Social-Media-Foto hier hoch, sagt sie und ergänzt, dass diese Menschen oftmals nicht wüssten, wie sie sich in den Bergen verhalten müssten. Das sehe sie auch an den teilweise schlechten Schuhen und an der ungenügenden Ausrüstung, die viele dabei hätten.

Touris verstehen nicht, wie SAC-Hütten funktionieren

Das Problem an Menschen, die wenig bis gar kein Verständnis für den hochalpinen Raum haben: Sie sehen oftmals den Unterschied zwischen einer Beiz im Tal und einer SAC-Hütte nicht. Claudia Freitag macht niemandem einen Vorwurf deswegen. Sie verstehe es sogar. Diese Leute seien in der Regel ein ganz anderes Leben gewohnt und wüssten es schlicht nicht besser: Sie sehen nicht, dass wir den Abfall, den sie bei uns deponieren, runterfliegen lassen müssen. Oder dass die Kläranlage nicht denselben Standard erfüllt wie eine grosse im Tal.

Ein leidiges Thema: Wildcampen

Das Wort Wildcampen kann die Hüttenwartin schon fast nicht mehr hören. In den letzten Jahren wurde das Reizthema schweizweit durch die Presse getragen. Auch die Glarner Nachrichten berichteten zum Beispiel über das Problem, das die Gemeinde Glarus Süd mit den Massen an Wildcampern hat. Oder wie Wildcampen im Hochgebirge den Wildtieren schadet.

Klar, Wildcamper sind sehr präsent und kosten Energie, sagt Claudia Freitag. Aber die Wildcamper trügen nur zu einem kleinen Teil dazu bei, dass sie die Arbeit als Hüttenwartin wieder aufgeben wolle. Denn Wildcamper seien nur ein Teil der Gäste, die dem SAC-Hüttenteam die Arbeit schwer machen. Vor allem mit immer höheren Ansprüchen.

Gäste sind häufig anspruchsvoll und spät dran

Zum Beispiel ans Essen und den Restaurantbetrieb: Neben Allergien und Intoleranzen, die in der Gastroszene überall ein wichtigeres Thema geworden seien, kämen die Gäste oft sehr spät an. Um 16 Uhr stehen sie da und möchten etwas Warmes zu essen, sagt Claudia Freitag. Die Bahn fahre aber nur bis 18 Uhr und gleichzeitig müsse das Hüttenteam für die Übernachtungsgäste kochen. Deshalb sah sich die Hüttenwartin gezwungen, das Angebot anzupassen: Warme Küche gibt's bis 16 Uhr. Danach wird nur noch für die Übernachtungsgäste gekocht.

Weniger Einheimische als Gäste

Und der grosse Andrang auf den Muttenchopf hat eine weitere Schattenseite: Claudia Freitag sagt, es kämen weniger Einheimische hinauf. Einheimische, die eher Verständnis für das Bergleben hätten. Und die dadurch dem Hüttenteam ein wenig Erleichterung bringen könnten. Letztes Wochenende seien die Leute zwei Stunden an der Seilbahnstation im Tierfehd angestanden, um die Wanderung zur Muttseehütte abzukürzen. Einheimische tun sich das nicht an. Verständlicherweise, sagt Freitag. 

Wieder Erholung in den Bergen

15-Stunden-Tage an sieben Tagen die Woche lassen wenig bis keine Zeit zur Erholung. Deshalb möchte Claudia Freitag sich jetzt Dingen in ihrem Leben zuwenden, die ihr wichtiger sind als die Arbeit. Dinge, die in der letzten Zeit zu kurz gekommen seien. Sie wolle sich in den Bergen wieder erholen können. Denn momentan ist die Natur primär ihr Arbeitsort, kein Raum zur Erholung. 

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