Bildung
Ich danke für das Interview mit Frau Perret und kann jedes Wort nur unterstützen. Es ist ein wichtiger Beitrag in der beginnenden Diskussion über die mit den Schulreformen einhergehenden Folgen des Paradigmenwechsels von einer pädagogisch verstehenden zu einer biologisch- störungsorientierten Sichtweise des Lernens und Verhaltens unserer Kinder.
Die das Kind verfehlende Beurteilung von Lernschwäche, hat oft schwerwiegende Folgen für das ganze weitere Leben.
Nicht selten kommt es z.B. vor, dass ein jüngeres Geschwister dem Älteren unauffällig beim Lesen zuhört. Die unbefangene Neugier des Kleineren ist eine Art Lesetraining. Es lernt unbelasteter Lesen als das Ältere, das quasi vorgespurt hat. Dieses kann fälschlicherweise daraus schliessen, dass es dümmer sei als der Kleine und darum nie gut lesen könne.
Ein solches Dummheitsgefühl kann so stark belasten, dass das Aufnehmen des Lesestoffes beeinträchtigt ist. Das Kind arbeitet nicht, wirkt unruhig oder abwesend. Erklärungen sind bald wieder vergessen, weil das Dummheitsgefühl das Denken überschattet. Die so entstandene Lernschwäche ist Ausdruck eines Irrtums im Gefühl und keine biologisch gegebene Funktionsstörung im Gehirn.
Dieser Gefühlsirrtum, kann, wird er erkannt, aufgelöst werden. Dazu brauchen Kinder einen Erwachsenen, der entwicklungspsychologisch-pädagogisch geschult ist und die Ursache der Lernstörung richtig erfasst. Strahlt dieser Zuversicht aus und ermutigt durch kleinschrittige Anleitung, kann das Kind Vertrauen fassen und lernen. Kleine Lernerfolge wirken wie Gegengift zur Entmutigung.
Wird aber das Problem auf eine Hirnfunktionsstörung zurückgeführt, wird die Lebensweiche des Kindes falsch gestellt.
Lernzielbefreiungen nehmen zwar Druck, bestätigen aber die vermeintliche Unfähigkeit. Der Knick in der Selbsteinschätzung wirkt sich aus: Nervosität, Rückzug, Streitereien können Folgeerscheinungen sein, die durch Fehlbeurteilungen bedingt sind. Diagnosen, Therapien oder medikamentöse Behandlungen zementieren beim Kind zusätzlich die Gewissheit, dass im Kopf etwas definitiv nicht richtig sei. Unausgesprochen schwingt der Eindruck einer (wissenschaftlich nicht belegten) Vererbung mit.
Solche Weichenstellungen prägen ein ganzes Leben.
Die Erkenntnisse von Pädagogik und Entwicklungspsychologie sind vielerorts einer biologisch-defizitorientierten Sichtweise gewichen, obwohl damit viele Gefühlsirrtümer frühzeitig erkannt und behoben werden könnten.
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Bereits Abonnent? Dann schnell einloggen.